Die
Einschornsteinsiedlung in DU-Neudorf
1927
schrieb der Gemeinnützige Bauverein Essen AG zur Errichtung einer Wohnsiedlung
in Duisburg-Neudorf zwischen der Wildstraße, Kortumstraße und Mozartstraße einen
Wettbewerb aus. In Konkurrenz zu führenden Architekten wie Emil Fahrenkamp aus
Düsseldorf, Wilhelm Riphahn aus Köln und Pfeiffer & Großmann aus Mülheim sprach
die Jury Johannes Kramer und Werner Kremer aus Duisburg-Ruhrort in Gemeinschaft
mit dem städtischen Baurat Hermann Bräuhäuser den ersten Preis zu. Entwürfe von
Josef Rings aus Essen, Heinrich Bähr und Kurt Ritterhaus aus Duisburg wurden
angekauft. Nach dem Projekt von Kramer, Kremer und Bräuhäuser, das unter dem
Kennwort "Ein Schornstein" eingereicht worden ist, wurde die Siedlung von 1927
bis 1929 ausgeführt.
Die
zu einem rechtwinkeligen System geordneten Straßen des Quartiers sind als reine
Wohnstraßen mit Vorgärten und Baumpflanzungen angelegt; auch die ca. 20 m breite
Gabrielstraße hat einen Fahrbahnquerschnitt von nur 5,50 m. Die Siedlung umfasst
72 zwei- und dreigeschossige Mehrfamilienhäuser mit insgesamt 360 Wohnungen und
81 Einfamilienreihenhäuser, von denen 7 nicht mehr erhalten sind. Für die Häuser
mit Etagenwohnungen wurden aus einem Typ zwei Varianten entwickelt, die zwei-,
drei- und vierräumige Wohnungen enthalten. Auch die Einfamilienhäuser wurden in
zwei Varianten errichtet. Die Wohneinheiten sind zu lang gestreckten Zeilen
zusammen gefasst, so dass die einzelnen Häuser ganz im Kollektiv der
Gesamtanlage aufgehen. Die Fronten der gleichmäßig gereihten Einfamilienhäuser
werden an den Gartenseiten dadurch gegliedert, dass sich die Küchen als
eingeschossige Anbauten über die Bauflucht hinaus vorschieben. In Duisburg hat
diese Lösung ihre unmittelbare Vorstufe in den städtischen Typenhaussiedlungen
(1926 bis 1928) am Dickelsbach, Ratingsee und am Parallelhafen. Unter den
Arbeiten der internationalen Architekten-Avantgarde lassen sich zahlreiche
weitere Vergleichsbeispiele finden. Der Wechsel von zwei- und dreigeschossigen
Trakten, variierendes Stockwerksniveau und zurückliegende Treppenhäuser gliedern
die Mehrfamilienhäuser, so das auch bei Zeilen von über 100 m Länge keine
eintönigen Fronten entstehen. Das heute selbstverständlich gewordene Flachdach
gehörte in den zwanziger Jahren zu den Leitformen des neuen Bauens, die zwischen
konservativen und fortschrittlichen Architekten mit heftigen Polemiken
umstritten wurden.
Die
Einschornsteinsiedlung wurde als städtebauliche Einheit konzipiert. Ähnlich wie
die Frankfurter Trabantenstädte von Ernst May verbindet das Duisburger Beispiel
"möglichst viele Vorzüge städtischen Lebens mit denen des Lebens auf dem Lande"
(N. Huse, S. 100). Damit wurde die unerbittliche Strenge von äußerster
Konsequenz vermieden, die bei verschiedenen Siedlungen der 20er Jahre auch von
entschiedenen Verfechtern der neuen Architektur kritisiert wurde. "Indem er das
Leben zum Wohnen spezialistisch verengt, verfehlt dieser Siedlungsbau auch das
Wohnen. Dies ist kein Miteinander, sondern ein Auseinander" (A. Behne über die
Karlsruher Siedlung Dammerstock, in: Die Form 6, 1930). Die Freiflächen zwischen
den Häusern sind gleichsam als Außenwohnraum formal und funktional in das
Gesamtkonzept einbezogen. Mit der Gestaltung der gärtnerischen Anlagen auf dem
Siedlungsareal wurde mit Leberecht Migge der damals führende deutsche
Gartenplaner beauftragt. Migge hat beim Bau beispielhafter Siedlungen mit Otto
Haeseler in Celle, mit Walter Gropius in Dessau und mit Ernst May in Frankfurt
a. M. zusammengearbeitet. Als Kontrast zu den öden Massenwohnquartieren des
späten 19. und des frühen 20. Jahrhunderts, deren Planung in erster Linie von
den Bedingungen der Bauspekulation diktiert wurde, haben die Wegbereiter des
neuen Bauens großzügigen Grünflächen erhebliche soziale Bedeutung beigemessen.
Nach einer zeitgenössischen programmatischen Aussage sollten Gärten "vorwiegend
aus Gründen der sozialen Wirtschaftlichkeit" angelegt werden, "um in frischer
Luft und Sonne für Körper und Geist nach Nerven zerrüttender Arbeit ideale
Erholungsstätten zu schaffen. Dort sollen unsere Kinder unter natürlichen
Lebensbedingungen zu gesunden und lebensfrohen Staatsbürgern heranwachsen mit
einem…seelischen Reichtum, der Tausende von ihnen glücklicher machen wird als
alle materiellen Güter" (E. May 1926, zitiert nach N. Huse, S. 90).
Durch
eine Publikation über die Einschornsteinsiedlung in der Zeitschrift "Der
Baumeister" ist bekannt, dass die Häuser ursprünglich einen farbigen Anstrich
hatten. Durch sorgfältige Untersuchungen, die von der Restaurierungswerkstatt
des Landeskonservators Rheinland durchgeführt wurden, konnte die ehemalige
kräftige Farbigkeit ermittelt werden: die Nordostfassaden waren gelb, die
Südwestfassaden lachsrot, die Nordwest- und die Südostfassaden türkis, so dass
die Farbflächen jeweils an den Gebäudekanten gegeneinander stießen. Die
farbliche Absetzung der Rücksprünge und Anbauten war aus diesem System
entwickelt. Der erwähnte Befund macht die Siedlung zu einem bedeutenden Dokument
für die vielfältigen Bemühungen des neuen Bauens um farbige Architektur. Als
Protagonist dieser Bewegung in Deutschland ist Bruno Taut zu nennen. Er begann
bereits 1913/14 damit, Siedlungen in Magdeburg und Berlin in kräftigen Farben
anzustreichen. Taut sah darin ein geeignetes Mittel, die Baukunst von der
"Zwangsjacke des Schmutzgraues und der Baustile, des Materials und des ganzen
Begriffsplunders zu befreien" (zitiert nach H. J. Rieger S. 28). Der Holländer
Theo van Doesburg schrieb 1928: "Die architektonische Gestaltung ist ohne Farbe
undenkbar. Farbe und Licht ergänzen sich. Ohne Farbe ist die Architektur
ausdruckslos, blind." Er betrachtete den architektonischen Raum "nur als
gestaltlose, blinde Leere, solange die Farbe sie nicht tatsächlich zum Raum
gestaltet". Die Siedlung Pessac bei Bordeaux von Le Corbusier war in Himmelblau,
Goldgelb, Jadegrün, Weiß und Kastanienbraun gestrichen; die Farben wechselten,
wie bei der Einschornsteinsiedlung, jeweils an den Gebäudekanten. Für Le
Corbusier diente die Farbgebung " ausschließlich den Zwecken der Architektur",
sie sollte den Raum mit Hilfe der Farbqualitäten gliedern: "So ging die
Architektur in den Städtebau über." Folgendes Zitat aus dem Prospekt einer
gewerkschaftlichen Wohnungsbaugenossenschaft in Berlin beschreibt das Ziel, das
auch die Architekten der Einschornsteinsiedlung verfolgt haben: "Die freudigen
Farben der Außenwände und Balkone wirken in Verbindung mit den Grünflächen
angenehm und lebensbejahend gegenüber dem toten Grau der Mietskasernen" (zitiert
nach H. J. Rieger S. 143).
|
Waschhaus
Das große
Zentralgebäude steigerte in seiner ursprünglichen Nutzung die Wohnqualität der
Einschornsteinsiedlung weit über das auch heute noch übliche Maß in neuen
Wohnquartieren. Der in mehrere Trakte gegliederte Baukomplex der von einem hohen
Schornstein überragt wird, nahm ehemals wichtige Versorgungseinrichtungen auf.
Neben dem Heizwerk, das die Wohnungen der Siedlung mit Fernwärme und Warmwasser
versorgte, war in dem Zentralgebäude eine Wäscherei untergebracht, eine
Gastwirtschaft, ein großer Festsaal, ein Kindergarten mit Spielplatz und
Planschbecken und eine Autogarage mit Werkstatt. Einige Funktionen, die im
traditionellen Wohnungsbau an das Einzelhaus gebunden waren, wurden damit zu
Gemeinschaftseinrichtungen zusammen gefasst. Die gesellschaftliche Entwicklung,
so stellte Walter Gropius 1929 in einem Aufsatz über "Die soziologischen
Grundlagen der Minimalwohnung für die städtische Industriebevölkerung" fest,
"zeigt ein stetiges Fortschreiten der Vergesellschaftung ehemaliger
Familienfunktionen autoritativer, erzieherischer und hauswirtschaftlicher Art,
und damit werden die ersten Anfänge einer genossenschaftlichen Epoche, die die
Rechtsepoche einst ablösen mag, sichtbar". Gropius sah die Lösung für die
Zukunft in der "Zusammenfassung einer Reihe von Wohnungen im Großhaushalt". Dass
mit der Einschornsteinsiedlung ein erster Schritt zur Verwirklichung dieses
Zieles getan sein könnte, befürchtete ganz offensichtlich die Lokalpresse. In
einer vom Duisburger General-Anzeiger am 17. April 1927 veröffentlichten Kritik
am Entwurf von Kramer & Kremer heißt es: "Die Architekten…schlagen für die ganze
Siedlung eine Zentralwaschanstalt vor, ja sogar eine Zentralbadeanstalt, und
sparen somit nicht nur Trockenböden und Waschkeller, sondern auch das
Badezimmer, kurz, fast alle Nebenräume, bauen denkbar wirtschaftlich. Und
blitzartig steigt einem der Gedanke auf, am Ende dieser Entwicklung, die über
Zentralwasch- und -badehaus, Rohrpostanlage für schmutzige Wäsche, über
Fernbeheizung ganzer Städte, über Warmwasserleitung, Konservenernährung,
Kinderhorte, Jugendspielnachmittage und Berufsschulen geht, kommen wir zu einer
ganz fabelhaften Ersparnis, wir sparen - die Hausfrau, die Familie. "
Zur
Versorgung der Bewohner wurden an der Gabrielstraße in eingeschossigen
Verbindungstrakten zwischen den Etagenwohnhäusern 15 Ladenlokale eingerichtet.
Als wichtige Ergänzung der Siedlung muss die Mozartschule erwähnt werden, die
1928 vom städtischen Hochbauamt geplant wurde. Nachdem man im November 1929 mit
der Ausführung begonnen hatte, konnten die Arbeiten, wie bei vielen andern
Bauprojekten, in den beginnenden 30er Jahren wegen der allgemeinen
Wirtschaftskrise nicht weitergeführt werden. Die Mozartschule wurde erst 1936/37
fertig gestellt.
Gerade im Ruhrgebiet
musste die entschiedene Farbigkeit als Kontrast zu den düsteren Wohnquartieren
der Gründerzeit und zu den Industriebauten beträchtliche Signalwirkung gehabt
haben. Die farbige Behandlung sollte die Siedlung als geschlossene Einheit
anschaulich darstellen und die Identifikation der Bewohner mit ihrem Quartier
erleichtern. Der historische Zusammenhang belegt, dass die Farbigkeit nicht nur
modische Zutat war. Schon gar nicht hatte sie die Aufgabe, wie bei heutigen
farbig dekorierten Neubauten bisweilen vermutet werden darf ein inhumanes, mit
unzureichenden architektonischen Mitteln realisiertes Bauprogramm zu
verschleiern. Die Einschornsteinsiedlung gehört als qualitätsvolles Beispiel zu
den bedeutenden Bau-Dokumenten der 20er Jahre. Da die ursprüngliche Farbigkeit
einen wesentlichen Bestandteil des Planungskonzeptes bildet, ist sie ein
unverzichtbarer Faktor des Denkmalwertes. Deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass
die GAGFAH, deren Verwaltung ein großer Teil der Siedlung untersteht, nach
intensiven Beratungen mit dem Amt des Landeskonservators begonnen hat, die
Siedlung in Anlehnung an den originalen Befund wieder farbig zu fassen. Bei der
Beurteilung des Ergebnisses ist zu berücksichtigen, dass nicht nach heutigem
Geschmack frei gestaltet wurde etwa im Sinne der Aktion "Make-up Duisburg",
sondern dass ein herausragendes Zeugnis der Architekturgeschichte seiner alten
Gestalt wieder angenähert wurde. Das kritische Echo, das diese Maßnahme in der
Lokalpresse gefunden hat, erinnert in seiner Argumentation erstaunlich an die
konservative Polemik, mit der in den 20er Jahren die moderne Architektur
diskriminiert wurde.
|